Plagiate allerorten

Kategorie: Design – am 18. März 2009

Barack Obama hat es Politikern in aller Welt vorgemacht. Er hat erreicht, was sich wohl jeder Politiker wünscht: er hat Wähler zu begeisterten Fans gemacht, prominente Vorbilder mobilisiert und Menschen über die Grenzen der USA hinaus fasziniert.

Ein neuer Aspekt bei Obamas Kampagne war die konsequente Nutzung nahezu aller Kanäle, die von den neuen Medien geboten werden. Zur Analyse der Kampagne ist viel geschrieben worden – damit möchte ich niemanden langweilen. Aber die Sympathiewelle, auf welcher der heutige Präsident der USA während seiner Wahl geritten ist, hat viele Politiker in aller Welt „inspiriert“.

Zur Erinnerung, hier das Original:

Screenshot der Webseite von Barack Obama

Das erste Plagiat, das bekannt wurde, war meiner Erinnerung nach die Webseite von Benjamin Netanjahu, dem Vorsitzenden der konservativen israelischen Likud-Partei:

Screenshot der Webseite von Benjamin Netanjahu

Das zweite Plagiat, das mir bekannt wurde, fand ich im Blog von Helge Fahrnberger – die Webseite von Heinz-Christian Strache:

Screenshot der Webseite von Heinz-Christian Strache

Nachdem nun der erste österreichische Politiker sich an die Gestaltung der Webseite Obamas angelehnt hat, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis in Deutschland auch etwas in der Richtung passieren musste. Zunächst aber präsentieren die großen Parteien neue Webseiten mit Fokus auf das Superwahljahr 2009. Nach dem Relaunch der Webseite der SPD, die sich auffallend deutlich vom Obama-Design fernhält, ist jedoch erkennbar, dass der Wahlkampf hierzulande in eine ähnliche Richtung gehen soll, wie 2008 in den USA: plötzlich verfügt die SPD über einen Flickr-Account, ein Facebook-Profil, einen Youtube-Kanal und eine Community mit dem gefälligen Namen „meineSPD“:

Screenshot der Webseite der SPD

Auch die Wahlkampfseite der SPD ist gestalterisch eigenständig:

Screenshot des Wahlkampf-Magazins der SPD

Die CDU bemüht sich auf ihrer eigenen Seite ebenfalls um Eigenständigkeit:

Screenshot der Webseite der CDU

Das Wahlkampf-Portal der CDU schlägt jedoch wieder obamaeske Wege ein. Das Logo des „TeAM Deutschland “ erinnert auffällig stark an das von Sol Sender entwickelte Logo Barack Obamas und bis kurz nach dem Launch war das erste in der Galerie gezeigte Testimonial der Schauspieler Charles M. Huber mit deutsch-senegalesischen Wurzeln:

Screenshot der Webseite vom TeAM Deutschland

Die CDU ist im Social Web allerdings noch ein wenig aktionistischer, als die SPD: neben dem üblichen Flickr-Account gibt es hier StudiVZ-, SchülerVZ-, Wer kennt wen?- und Facebook-Gruppen sowie einen Twitter- und einen MySpace-Account.

Der gerade noch in Österreich wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilte Ministerpräsident des Freistaats Thüringen, Dieter Althaus, schießt jedoch den Vogel ab. Mit seiner Webseite zeigt er das in Deutschland wohl dreisteste Obama-Plagiat:

Screenshot der Webseite Dieter Althaus

Das es sich bei den gezeigten Webseiten nicht um exakte grafische Kopien handelt, ist ersichtlich. Die Definition des Begriffs „Plagiat“ in der Wikipedia trifft es allerdings doch sehr gut:

„Plagiat (vom lat. Wort plagium, „Menschenraub“ abgeleitet) ist die Vorlage fremden geistigen Eigentums bzw. eines fremden Werkes als eigenes oder Teil eines eigenen Werkes. Dieses kann sowohl eine exakte Kopie, eine Bearbeitung (Umstellung von Wörtern oder Sätzen), eine Nacherzählung (Strukturübernahme) oder eine Übersetzung sein. […]“

Ich bin im Urheberrecht nicht so sicher, dass ich beurteilen kann, inwiefern es ein Verstoß ist, ein Plagiat eines im Ausland entstandenen Werks mit kreativer Schöpfungshöhe herzustellen. In jedem Fall ist es aber ein Armutszeugnis. Vor allem, wenn man dabei bedenkt, dass die gestalterische Identität einer Kampagne ja nicht der Kern, sondern nur die Form ist. Die Web 2.0-Aspekte des diesjährigen Wahlkampfs scheinen sehr bemüht, aber wenig gekonnt. Ihnen mangelt es an Glaubwürdigkeit, denn die dahinter stehenenden Politiker gehören leider oft der Kategorie „Internet-Ausdrucker“ an. Warum ein Wahlkampf als Kopie des Barack Obama-Konzepts hier in Deutschland nicht funktionieren kann, erläutert Martin Oetting im Blogbeitrag „Warum das Obama-Marketing hierzulande nicht eins zu eins imitiert werden kann“ bei trnd eindrucksvoll.

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3 Kommentare »

  1. Die Website von Heinz-Christian Strache würde ich nicht unbedingt als Plagiat ansehen. So richtig viel gemein mit der Obama Seite hat sie, bis auf die blaue Farbe und den “Schein-Effekt” ja nicht. Zumindest nicht auf deinem Screenshot/der Startseite.

    Kommentar von Christian Beier — am 18. März 2009 um 16:28

  2. @Christian: Das mag auf den ersten Blick so scheinen, allerdings drängt sich der Gedanke an ein Plagiat schon eher auf, wenn man den Blog-Beitrag von Helge Fahrnberger liest. Wie gesagt: es geht ja auch nicht um den rechtlichen Vorwurf des Urheberrechtsverstoßes, sondern um die allgemeine Ideenlosigkeit der Politiker.

    Kommentar von Stefan Nitzsche — am 18. März 2009 um 16:43

  3. Vor allem, wenn man dabei bedenkt, dass die gestalterische Identität einer Kampagne ja nicht der Kern, sondern nur die Form ist.

    Diese Aussage trifft den Kern. Die Übernahme des Layouts (so verwerflich das Kopieren bereits ist) ist dann doch eher ein peinlicher Akt, denn meines Wissens lebt Herr Althaus dann doch eine etwas andere Philosopie als Obama. Und daher kann es eigentlich gar nicht von Vorteil sein, die Eigenständigkeit zugunsten von etwas Oberflächenglanz aufzugeben.

    Was die Social-Accounts angeht – nun ja, man ringt um die geneigte jüngere Wählerschaft. Das ist insofern nichts verwerfliches, ich informiere mich ja auch bereits seit einigen Jahren fast ausschließlich übers Netz. Mit Flugblättern und hohlen Sprüchen erreicht man mich nicht. Mit der bloßen Existenz eines Twitter-Accounts jedoch auch nicht.

    Kommentar von Dirk — am 18. März 2009 um 21:13

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