Übersetzung: Die sieben Gewohnheiten eines äußerst erfolgreichen, freiberuflichen Webdesigners

Stefan Nitzsche, 15. Dezember 2006.

Übersetzung des englischen Artikels „7 Habits of a Highly Successful Freelance Web Designer“ vom 22. Oktober 2006 von Andy Budd.

In der letzten Zeit fragten mich einige Leute, wie man es als freiberuflicher Webdesigner zu etwas bringt. Ich dachte mir, bevor ich jedem antworte, veröffentliche ich meine Gedanken zu diesem Thema lieber im Internet. Im besten Sinne eines Ratgebers sind hier nun meine sieben Gewohnheiten eines äußerst erfolgreichen, freiberuflichen Webdesigners.

Inhalt:

  1. Liebe Deine Arbeit

    Wenn Du für eine große Firma arbeitest, ist es einfach, pünktlich zu beginnen, Deine Arbeit zu erledigen und am Ende des Tages alles hinter Dir zu lassen. Ich kenne sogar Firmen, deren Mitarbeiter sich nicht einmal dafür interessieren, was sie tun – weder für die Projekte, an denen sie arbeiten, noch für ihren Beruf generell. Für sie ist es bloß ein Job und sie würden nicht im Traum daran denken, ein Buch über Webdesign zu lesen oder außerhalb der Arbeitszeiten eine Konferenz zu besuchen.

    Der Erfolg des Freiberuflers liegt darin, Leidenschaft für seine Arbeit zu empfinden. Leidenschaft (mit Unterstützung von Koffein) wird Dich auch tief in der Nacht noch arbeiten lassen, während der Rest Deiner Freunde in der Kneipe sitzt oder tief und fest schläft. Gleichsam wird die Leidenschaft Dir Konzentration und Motivation bewahren und Dich vom Fernseher fernhalten, wenn die Zeit kaum zu vergehen scheint. Vor allem ist sie die treibende Kraft, die Dich in die Branche geführt hat und aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Grund, warum Du Dich für die Unabhängigkeit entschieden hast.

    Leidenschaft ist besonders wichtig bei der Arbeit mit potenziellen Arbeitgebern, seien es Agenturen oder Endkunden. Für jemanden wie mich, der selbst Freiberufler beschäftigt, ist die Fähigkeit, Liebe zur Branche zu zeigen, weit wichtiger als Erfahrung oder technische Kompetenz. Schließlich kann man jemandem vieles beibringen – nicht aber, wie man seine Arbeit genießt. Letztendlich aber wird diese Leidenschaft ansteckend sein und sich auf Kunden, Perspektive und Arbeit übertragen.

  2. Lerne nie aus

    Webdesign ist ein weites Feld. Jeden Tag gibt es neue Ideen und Techniken zu entdecken und oft ist es schwer, überhaupt Schritt zu halten. Allerdings sind die besten Webdesigner endlos wissbegierig und immer auf dem letzten Stand der Technik und der Trends. Sie streifen durch das Netz und lesen jedes Blog und jeden Artikel, den sie finden können – ihr RSS-Reader bricht sprichwörtlich unter der Last seines ständig neuen Inhalts zusammen. Ihr Wunschzettel bei Amazon ist prall gefüllt mit Neuheiten und bei ihnen werden immer ein paar ungelesene Bücher herumliegen, die nur darauf warten, verschlungen zu werden. Einfach gesagt: der erfolgreiche Webdesigner liebt seine Arbeit und lernt kontinuierlich, wie er sich verbessern kann.

  3. Spezialisiere Dich

    Da Du niemals weißt, was von Dir erwartet wird, ist es lebenswichtig, eine breit gefächerte Qualifikation zu erwerben. Trotzdem: die Tage des „Hansdampfs in allen Gassen“ sind gezählt. Es ist nun nötig, Dich zu spezialisieren. Einige Fähigkeiten sind gefragter als andere, aber bist Du der Beste Deines Bereichs in einer bestimmten Sprache oder Fähigkeit, wirst Du immer gefragt sein.

    Information Architecture ist aktuell ein gefragtes Gebiet, da immer mehr Agenturen sich auf die Verbesserung der Benutzererfahrung konzentrieren. Gute Grafikdesigner sind ebenso dünn gesät, speziell die Sorte, die sich auf Interface Design und die Launen von CSS versteht. Und da wir gerade bei Webstandards sind: es scheint, als ob Agenturen nicht schnell genug gute, standardbasierte Entwickler finden könnten. Traditionelle Programmiersprachen werden immer populär bleiben, insbesondere wenn man sich auf anspruchsvollere Konzepte wie OOP und UML versteht. Ruby on Rails ist momentan die Sprache (OK, ich weiß, dass Rails keine Sprache ist) – wenn man also ein Rails-Experte sein sollte, wird man sich vor Aufträgen nicht retten können.

    Es ist jedoch wichtig, Dich nicht auf Kosten Deiner anderen Fähigkeiten zu spezialisieren. Kunden und Agenturen wollen gut ausgebildete Leute mit einer breiten Interessenbasis. Deine Qualifikation sollte einem umgekehrten „T" ähneln: allgemein breit interessiert, aber mit einem (oder vorzugsweise mehreren) Bereichen tieferen Wissens.

  4. Erstelle das perfekte Portfolio

    Als Freiberufler sind Deine Referenzen nicht den Speicherplatz wert, auf dem sie gespeichert sind. Was Du an ihrer Stelle brauchst, ist das perfekte Portfolio. Wenn Du erst seit kurzer Zeit Freiberufler bist, ist es nicht ganz einfach, ein Portfolio zu erstellen. Der beste Weg, dies zu erreichen, ist, Deine Freunde und Verwandten anzusprechen und Ihnen anzubieten, für sie Webseiten zu erstellen. Ich schlage Dir nicht vor, es gratis zu tun, da es nicht gut für die Branche ist und Deine Arbeit möglicherweise nicht als wertvoll empfunden wird. Wenn Du gezwungen bist, etwas gratis zu machen, dann biete Deine Dienste einer wohltätigen Organisation oder einer Community an, die anders nicht in der Lage wäre, sich einen professionellen Designer zu leisten. Alternativ schaffe ein eigenes, persönliches Projekt oder eine Spielwiese, auf der Du Deine Ideen demonstrieren kannst. Ich habe schon Freiberufler lediglich auf der Basis ihrer persönlichen Arbeit beschäftigt.

    Hast Du im Internet schon eine Weile gearbeitet, zeig nicht jedes Projekt, das Du jemals gemacht hast. Du bist immer nur so gut wie Deine letzten Projekte, also zeig Dich mit Deinem aktuellen Arbeiten von Deiner Schokoladenseite. Schließlich will niemand eine Webseite sehen, die Du 2002 erstellt hast, egal wie gut sie war. Menschen denken sehr visuell, daher sind Portfolios die bessere Wahl für Designer. Bist Du Entwickler oder Information Architect, können Fallstudien die richtige Entscheidung sein. Eine gute Fallstudie hilft Dir, Deine Mitarbeit am Projekt zu erläutern, Deine Entscheidungen zu rechtfertigen und zu demonstrieren, wie Du zum Erfolg des Projekts beigetragen hast. Vor allem: sei ehrlich. Wenn das Design nicht von Dir ist, oder Du mit einer anderen Agentur zusammengearbeitet hast, lass es die Leute wissen.

  5. Vernetze dich wie verrückt

    Es heißt nicht umsonst: „Es ist nicht wichtig, was Du kannst, sondern wen Du kennst". Das dürfte für niemanden wahrer sein, als für einen freiberuflichen Webdesigner. Die beste Möglichkeit, an Arbeit zu kommen, ist die Nutzung Deiner Kontakte und wie verrückt zu netzwerken. Am Anfang lass all Deine Freunde und Verwandten wissen, was Du tust. Frage, ob sie jemanden kennen, der eine Website benötigt und ob sie Dich ihm vorstellen würden. Wenn Du Dich direkt auf die Suche nach Kunden machen willst, sind regionale Netzwerk-Veranstaltungen eine wertvolle Kontaktquelle. Veranstaltungen Deiner zuständigen Industrie- und Handelskammer bieten große Chancen, potenzielle Kunden zu treffen oder die immens wichtigen Empfehlungen zu erhalten.

    Sich auf Endkunden zu konzentrieren kann sehr zeitraubend und teuer sein. Stattdessen überleg Dir, andere diese Arbeit tun zu lassen, indem Du Verträge mit Agenturen abschließt. Agenturen halten immer Ausschau nach zuverlässigen Freiberuflern, meist sogar sehr zeitnah. Solche Agenturen erledigen die harte Arbeit, Kunden zu finden und zu betreuen und überlassen Dir zu tun, was Du am besten kannst. Wenn Du Dich mit einem halben Dutzend Agenturen in Deiner Region zusammenschließen kannst, solltest Du genug Arbeit finden, um beschäftigt zu sein. Ein Weg, solche potenziellen Partner zu finden, ist, jedem in Deiner Umgebung zu schreiben und so wissen zu lassen, dass Du auf der Suche nach freiberuflicher Arbeit bist. Ein noch besserer Weg sind Orte, an denen man Entwickler findet. Geek-Veranstaltungen.

    Stammtische, User Groups und Konferenzen sind beste Möglichkeiten, nützliche Beziehungen aufzubauen. Auf eine gewisse Art und Weise ziehen Menschen es vor, Geschäfte mit jemandem zu machen, den sie kennen und mögen. Wenn sie bei nächster Gelegenheit Hilfe bei einem bestimmten Projekt brauchen, werden sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit an Dich erinnern und Dich ansprechen. Und wenn sie wissen, dass Du aktiv nach Möglichkeiten zur Mitarbeit suchst, werden sie Dich mit Sicherheit empfehlen.

    Netzwerken klingt nach einer schaurigen Sache, aber in der Realität läuft es darauf hinaus, Zeit mit Menschen aus Deiner Branche zu verbringen, Anekdoten auszutauschen und gelegentlich Arbeit zu bekommen.

  6. Verwalte Deine Zeit

    Als Freiberufler musst Du Deine Zeit gut verwalten und darauf achten, dass Du es schaffst, Deine komplette Verwaltung zu finanzieren. Viele Menschen sind der Meinung, dass man als Freiberufler weniger arbeiten müsse, als bei einem Angestelltenverhältnis in Vollzeit. Allerdings dürfte das von der Wahrheit weit entfernt sein. Zusätzlich zu der Arbeit, für die Du bezahlt wirst, musst Du Dich selbst vermarkten, Deine Projekte und Kunden betreuen und all die anderen Dinge tun, die bei der Führung eines kleinen Geschäfts anfallen.

    Wenn Du ausgelastet bist, ist es sehr verführerisch, Deine komplette Zeit für die Arbeit zu nutzen. Selbst wenn Du nicht gehetzt wirst, wird die vorhandene Arbeit immer die Zeit füllen, die Dir zur Verfügung steht. Um etwas dagegen zu tun, musst Du Dir zeitliche Grenzen setzen und darfst die Balance zwischen Arbeit und Freizeit nicht aus den Augen verlieren. Das ist besonders wichtig, wenn Du von zu Hause aus arbeitest. Achte darauf, dass Deine Umgebung den Unterschied zwischen Arbeitszeit und Freizeit kennt. Nur weil Du zu Hause bist, bedeutet das nicht, dass Du Zeit hast, den Abwasch zu machen, zu putzen oder den Müll zu entsorgen. Umgekehrt solltest Du aber nicht die Hausarbeit, die Zubereitung des Essens oder das Fernsehen missbrauchen, um der Arbeit aus dem Weg zu gehen. Nicht nur, dass Du dabei fett wirst, sondern Du brauchst für Deine Arbeit doppelt soviel Zeit, wie eigentlich erforderlich wäre.

    Einer der Vorteile des Lebens als Freiberufler ist es, Dein eigener Chef zu sein – deshalb solltest Du darauf achten, dass Du gleichzeitig diszipliniert und großzügig bist. Es ist kein Problem, flexibel mit Deiner Zeit umzugehen, aber wundere Dich nicht über einen Kunden, der außerhalb Deiner Arbeitszeiten anruft, wenn Du ihm um 22:00 Uhr eine Mail gesendet hast. Wenn Deine Aufmerksamkeit schwindet, solltest Du besser einen Spaziergang unternehmen oder für eine Stunde ins Fitness-Center gehen, als vor dem Computer zu sitzen. Bei Deiner Rückkehr wirst Du erfrischt und dadurch viel produktiver sein.

  7. Arbeite an Deinem Ruf

    Es gibt nichts Besseres für einen erfolgreichen Freiberufler, als ein Mensch zu werden, mit dem man gern Geschäfte macht. Auf diese Weise kommen neue Kunden zu Dir, anstatt dass Du sie suchen musst. Zu diesem Zweck musst Du Dir einen guten Ruf aufbauen. Das kannst Du erreichen, indem Du durch gute Arbeit Deine Kunden in Menschen verwandelst, die Dich gern empfehlen. Du kannst auch an Deinem Ruf arbeiten, indem Du Deine Erfahrungen und Dein Wissen durch Artikel, Blogging und Reden auf Veranstaltungen zugänglich machst. Durch den Ruf als Experten werden die Menschen froh sein, Deine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen und Dich gern empfehlen. Blogging ist eine besonders gute Möglichkeit, dies zu tun und somit etwas, was ich Dir dringend empfehle. Wenn ich nach einem Freiberufler Ausschau halte, bekomme ich durch sein Blog ein viel besseres Gefühl für dessen Interessen und Fähigkeiten, als durch das Lesen eines Lebenslaufs. Es ist ein wunderbares Marketing-Werkzeug, so dass Du dringend ein Blog einrichten solltest, wenn Du noch keins besitzt.

Hinweise zu dieser Übersetzung

Die Veröffentlichung dieses Übersetzung geschieht mit freundlicher Genehmigung des Autors Andy Budd. Der Inhalt ist urheberrechtlich geschützt – eventuelle Hinweise im englischen Originaldokument sind maßgeblich.

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